Der Sufismus wird als das mystische Herz oder als die innere Dimension des Islam bezeichnet. Der Mittelpunkt der sufischen Lehre ist die Liebe, die immer als eine Hinwendung zum Göttlichen zu verstehen ist. Die Sufis suchen durch tägliches, regelmäßiges Gedenken dem Göttlichen nahe zu kommen, mit dem Ziel bereits im irdischen Leben mit dem Ursprung allen Seins eins zu werden. In eingeweihten Kreisen wird gelehrt, dass der Sufismus weitaus älter als der Islam ist und sich zu seiner vollen Blüte erst ab dem Auftreten des Propheten Muhamed entwickelt hat. So gab der Prophet Mohammed seinen Anhängern Praktiken an die Hand, um die göttliche Präsenz selbst erfahren zu können und sich aktiv dem Göttlichen geistig anzunähen, um sich seelisch weiterzuentwickeln. Wesentlich beim Gedenken Gottes ist vor allem, dass es mit dem Herzen, mit der ganzen Seele geschieht, so dass alle Sehnsucht exklusiv auf Gott gerichtet ist. Dabei kann es auch zu Trancezuständen oder bewusstseinserweiternden Erfahrungen kommen.

In unserem westlichen Kulturkreis ist der Sufismus nur wenigen Menschen ein Begriff, gewinnt jedoch in jüngster Zeit immer mehr an Bekanntheit. Hauptsächlich ist dies Dschelaludin Rumi, kurz Rumi zu verdanken, welcher als der in sich drehend-tanzende Derwisch bekannt ist. Rumi ist nicht nur der Gründer des Sufi Ordens Mevlaner, sondern war zudem einer der bedeutendsten Dichter seiner Zeit (†1273 in Konya). Er hat nicht nur den Drehtanz als praktische Ritualübung ins Leben gerufen, sondern verfasste auch unzählige poetische Verse über die göttliche Liebe und teilte so seinen erreichten Bewusstseinszustand mit der Nachwelt und inspiriert diese heute wie damals. Einer der wichtigsten Mystiker und der Urvater aller Sufi-Orden ist Sheikh Abdulkadir Geylani. Er ist direkter Nachfahre des Propheten Muhamed und Begründer des ersten offiziellen Sufi-Ordens „El Kadir“. Nach ihm sind weitere 11 Sufi-Orden entstanden. Wenn man in einem Orden als Schüler aufgenommen wird, nennt man diesen einen „Derwisch“. Sowohl Männer als auch Frauen können Derwische sein, sie werden als spirituelle Kinder des Oberhauptes angesehen. Um geistig zu wachsen, bedarf es einen verantwortlichen Lehrer, der die Schulung übernimmt. Das ist in der Regel das Sufi-Oberhaupt, das den Titel „Šejh“ trägt. Dieser Schulungsweg kann ein ganzes Leben andauern und erfordert eine große Ausdauer sowie Disziplin, und ist mit ständigen Prüfungen verbunden. Zusammengefasst geht es darum, sein niederes Selbst abzulegen, sowie das eigene Ego zu bezwingen. Ein höheres Bewusstsein entfaltet derjenige, der konsistent auf dem Weg voranschreitet.

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